Zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Aproto-Aktion „Balkanroute rückwärts“: 5000 Kilometer auf der Spur der Flüchtlinge

Böhme-Zeitung vom 20. Januar 2017

Schockierende Bilder filmt Max-Fabian Wolff-Jürgens (links) zunächst in einem

Flüchtlingscamp an der ungarisch-serbischen Grenze und später in Italien

Hörpel. Es ist wie ein winziger Strohhalm für die Gestrandeten, als Max-Fabian Wolff-Jürgens seine Kamera auspackt und filmt. Er filmt ihr notdürftiges Lager, ihre Unterkünfte, sturmschiefe Sommerzelte mit Schlafsäcken darin, die niemals die nächtliche Kälte von minus 15 Grad Celsius stoppen können. Er filmt aufgerissene Jacken, kaputte Finger, einen übermannshohen Stacheldrahtzaun, der Ungarn von Serbien trennt, den Weg in die Zukunft für die Flüchtlinge verbaut.

 

„Es ist eine Müllhalde für Flüchtlinge“

Die Hörpeler Familien

 

Die Gestrandeten erzählen in sein Mikrofon vom ungarischen Militär mit Hubschraubern und Hunden, von Schlägen. Sie erzählen, dass sie frieren, Hunger haben, ihre Chancen, über die Grenze zu kommen, minimal sind, sie wie Verbrecher behandelt werden. Und Max-Fabian filmt Kelsey Montzka-Boettiger. Es ist Anfang Januar, der Beginn eines neuen Jahres.

Kelsey, die Helferin, die an der serbischen Grenze warmen Tee verteilt und da ist, um hinzuschauen, ist froh, dass Max-Fabian gefilmt hat. So trägt er das Geschehen in die Welt, rüttelt auf. Das erzählt sie am gestrigen Donnerstag. Sie ist am Morgen via Internet zugeschaltet, als der junge Mann, seine Eltern Meike Wolff und Till-Matthias Jürgens sowie Norma Steinberger im Aproto-Aktionshaus in Hörpel von ihrer Reise berichten, bei der Normas Mann Kay-Michael Haack, ihre Tochter Lena und auch Dalmatiner Johnny mit dabei waren. 5000 Kilometer führte diese vom 30. Dezember bis 6. Januar in Richtung Balkan, dann nach Italien und zurück.

Es sollte eine Reise zu Freunden sein. Gut ein Jahr lang wurden im Aktionshaus in Hörpel Menschen begleitet, die die Hoffnung hatten, in Deutschland Asyl zu erhalten. Aber für die Menschen aus den Balkanstaaten hat es nicht geklappt. „Dort herrscht kein Krieg, kein Terror. „Wir brauchen die Kapazitäten in Deutschland für Flüchtlinge, die davon bedroht sind“, sagt Jürgens. Dennoch gehe es um eine Abschiedskultur, sie sollen sich nicht abgeschoben führen: „Wir wollen entstandene Freundschaft pflegen“, sagt Jürgens. Man wisse zudem zu wenig über die Herkunft der Freunde.

Und so starteten die Familien aus Hörpel und Behringen ihre „Balkantour rückwärts“, um die Familie Selimaj in Albanien und die Familie Majstrovic in Montenegro zu besuchen. „Gott sei Dank geht es ihnen gut, aber es sind arme Verhältnisse“, erzählt Meike Wolff. Dennoch habe sie gerade bei der albanischen Roma-Familie eine Form von neuem Selbstbewusstsein erlebt.

Krank in einem Lager in Italien

 

Weniger erfreulich war der Besuch bei Zafar Iqbal in Italien. Der Pakistaner hatte seit 2015 in Bispingen gelebt, war aufgrund des Dublin-Abkommens am 14. Dezember 2016 nachts um 4 Uhr aus dem Bett gerissen und nach Italien zurückgeschickt worden, wo er schon einmal registriert worden war. In Mailand war er obdachlos, hauste schließlich in einem Lager bei Varese, krank, hungrig, ohne Sprachkursus, ohne Beschäftigung.

Eigentlich hätte Zafar Iqbal am 1. Januar eine Ausbildung bei McDonalds in Bispingen beginnen können. „Man kann sich die Bedingungen in Italien nicht vorstellen. Italien erfüllt seine Verpflichtungen nicht. Es ist eine Flüchtlingsmüllhalde“, sagen die Hörpeler. Auch da sei es wichtig hinzuschauen.

Wie an der ungarisch-serbischen Grenze. „Europa kriminalisiert dort die Menschen. Wir können die Einzelschicksale nur publik machen“, sagt Kelsey. Jede Berichterstattung lenke die Aufmerksamkeit in Richtung der Politik, ergänzt Till-Matthias Jürgens. Es sei „unsere Aufgabe“, den Menschen das Gefühl zu geben, nicht im Niemandsland zu stranden. „Wenn man mittendrin ist, dann kann man die Kaltschnäuzigkeit von Forderungen aus der Politik nicht nachvollziehen.“ Und Max-Fabian Wolff-Jürgens ergänzt: „Was jeder einzelne Flüchtling dort erlebt, das möchte ich mir in meinen kühnsten Albträumen nicht vorstellen.“

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